Text: Sarah Baumann

»Ich selbst habe übrigens nicht gerade das Gefühl, dass ich mich in Schweden richtig auskenne. Trotz Lehrerinnenausbildung. Man müsste der Landkarte quasi Leben einhauchen. Das ist es! Man müsste die Landkarte von Schweden lebendig werden lassen vor den Augen der Kinder. Dass sich die Täler, die Flüsse und die Landschaften von ganz alleine in der Erinnerung einnisten.« (zit. von Feyerabend: S. 155/156)

Charlotte von Feyerabend

Charlotte von Feyerabend: Selma Lagerlöf


Ursprünglich als Lehrbuch gedacht, war mit dieser Idee Nils Holgersson geboren. Als ich dies während des Lesens begriff, staunte ich und meine Wahrnehmung über den Gänse-fliegenden Jungen schien auf einmal differenziert. Der Roman, dem ich diese Erkenntnis – eingepackt in schwedische Idyllen und der Emanzipation der Frau gegen Ende des 19. Jahrhunderts – verdanke, trägt den Namen »Selma Lagerlöf. Sie lebte die Freiheit und erfand Nils Holgersson« und ist 2021 bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur erschienen. Seine Autorin ist Charlotte von Feyerabend, welche ein breites Studium unteranderem der Literaturwissenschaft und Texttechnologie absolvierte. Von Feyerabend lebte bereits für einige Jahre in Norwegen und Schweden – in ihrem jüngsten Roman sammeln sich augenscheinlich die gewonnenen und selbst erlebten Eindrücke Skandinaviens – in den Formen ausgeprägter Friedfertigkeit, unberührter Landschaften, scheuer Menschen und einem frühen Emanzipationsdrang sowie Fortschrittsglauben.


»Selma Lagerlöf« erzählt die Geschichte einer eigensinnigen Frau, die ihr Leben anfangs als Lehrerin bewerkstelligt, doch seit jungen Jahren den Traum einer Schriftstellerin in sich hütet. Ihre Gedanken und Vorstellungen sind von ihrer Heimat Mårbacka (Värmland) inspiriert und aus den Kindheitstagen schöpft sie einen Teil ihrer Kreativität. Doch von Feyerabend zeichnet ein viel umfassenderes und privateres Bild der Lagerlöf, die vorerst nur als erste Frau, die den Nobelpreis für Literatur erhielt, berühmt ist. Die Autorin beschreibt den Lebenslauf chronologisch, doch überraschend und sinnlich. Als die Familie das Elternhaus in Mårbacka verliert, beginnt für Selma eine neue, eigenständige Zeit: Eine Zeit, in der sie die Branche der Literatur kennenlernt – in der sie sich als Frau behaupten muss –, und eine Zeit, in der sie auf starke Persönlichkeiten wie Ellen Key und Sophie Adlersparre trifft. Letztere verhalf Selma zu einem komplexeren Schreibstil, doch im Besonderen die Schriftstellerin Sophie Elkan wird für Selma zu einer Freundin, die sie ihr Leben lang begleiten sollte.
Der Roman erwähnt die etlichen fernen Reisen der Autorinnen wie nach Jerusalem und Palästina, aber er nimmt den Leser auch mit zu der künstlerisch wertvollen Zeit auf Gotland und auf die Expedition in den Norden Schwedens. Dabei verwebt von Feyerabend das aktive Schaffen mit dem Familienleben der Autorin. Treffend formuliert wird dieses Verhältnis mit den fiktiven Worten Selmas auf die Frage, wie sich das Schreiben anfühlt: »Wie das so ist? Einsam! […] Ich habe die Wahl, entweder einsam zu sein und zu schreiben, oder mit anderen Menschen zusammen zu sein und nichts schreiben zu können.« (zit. von Feyerabend: S. 338).
Letztendlich steht die Erzählerin wieder im Hof von Mårbacka, das nun zu ihrem eigenen Gut geworden ist. Doch es wird kein einsames, von einer bizarren Sehnsucht ergriffenes Schriftstellerleben dargestellt: Es tritt ebenso die politisch engagierte Frau hervor. Es sind die kleinen Details, die das Lesen staunenswert machen: In ihren späten Jahren unterstützt Selma Lagerlöf die Immigration der jüdischen deutsch-schwedischen Dichtern Nelly Sachs nach Schweden. Der Briefaustausch der beiden Frauen ist in dem Roman gekonnt eingeflochten – so wie auch jeder andere zwischen Selma und Künstler*innen jener Zeit.


Die formulierten Briefe entspringen mehrheitlich der Feder von Feyerabends. Jedoch entsprechen sie dem Wesen Selma Lagerlöfs, mit dem sich von Feyerabend über zwei Jahre auseinandergesetzt hat. Sie besitzt die Fähigkeit, den Leser in ein fremdes Leben zu entführen und selbst von ruhigen skandinavischen Oasen, unerschöpflichen Kaffeemomenten auf Inseln wie Visby zu träumen und in uns einen Willen zu wecken, sich selbst erfüllen zu wollen. Hin und wieder neigt die Autorin jedoch zu zuvielen wehmütigen Beschreibungen, die sich im Laufe des Buches erschöpft anfühlen.


Das mindert nicht den Reiz des Buches: Entschlossen, auch den Gösta Berling von Selma Lagerlöf zu lesen, hinterlässt es in mir eine vielseitige Vorstellung der Schriftstellerin, die mittels einer Biografie weniger fantastisch gewesen wäre. Eine Quellen- und Literaturliste rundet das Kompositum ab.
Von Feyerabend bietet Interessenten eine eigene Webseite (https://vonfeyerabend.de) und zudem einen Podcast mit dem Titel »Feyerabend-Podcast über Schweden, Autoren, tolle Menschen und das Glück«. Ich danke Charlotte von Feyerabend für die Reise, auf die ich mich begeben durfte.

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Sarah Baumann

Ambassador Literatur

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